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Ganz mit dem eigenen Gefühl sein

Gabi Schmitt

Was haben unsere Pflegekinder erlebt, bevor sie zu uns gekommen sind?


Da wir meistens zu wenige Informationen über die Vergangenheit haben, sind wir auf Spekulationen angewiesen. Wir suchen nach Informationen und bringen sie nach unserer eigenen Erfahrung zusammen. Das ist ganz natürlich und menschlich. Erwachsene suchen nach „Wissen“, weil sie „verstehen“ wollen. Somit haben sie einen Rahmen, an dem sie sich orientieren können und nach dem sie handeln.


Besser wäre es aber, ganz ohne Zusätze und sozusagen „pur“ nur zu sehen, was da ist, und zu fühlen, was gezeigt wird. Total offen, mit allen Sinnen – unbelastet von „Wissen“. Denn dieses Wissen unterliegt schon unserer eigenen Bewertung und kann weit weg sein von dem, was das Kind in dieser Situation tatsächlich empfindet. Vielleicht sehen wir einen Unfall mit dem Fahrrad, Kind fällt hin, Stirn blutet, Hand tut weh…. Wir interpretieren nach unserer eigenen Erfahrung: „Upps, das war aber schlimm, das Kind ist ja total verstört, sie hat jetzt bestimmt Angst vorm Fahrradfahren…..


Vielleicht ist es so. Vielleicht ist es aber auch ganz anders. Dieses Kind hat NICHT unsere Erfahrungen und nimmt deshalb vielleicht etwas ganz anderes wahr. Vielleicht ist es nicht sehr schmerzempfindlich. Vielleicht kennt es wegen häuslicher Gewalt viel heftigere Szenen. Und vielleicht – nur vielleicht – hat die Nachbarin, die das Kind von der Strasse aufhebt, in den Arm nimmt, tröstet, beruhigt, verarztet und ein Eis spendiert, ihm eine Zuneigung gegeben, die es bis dahin gar nicht kannte und die etwas in seinem Innersten berührt hat.


Ich selbst kann mich an eine Friseuse erinnern, die mich als kleines Kind beim Haareschneiden ganz liebevoll an sich gezogen hat. Ich war es in unserer gefühlskalten Familie überhaupt nicht gewöhnt, dass man mich in den Arm nimmt. Es hat einfach gut getan. So gut, dass ich mich Jahrzehnte später noch daran erinnern kann. Auch wenn sie mich in diesem Moment ins Ohr geschnitten hätte, hätte das nichts daran geändert.


Deshalb sollten wir vor allem eins sein: achtsam. Achtsam im Moment. Achtsam mit unseren Gedanken. Was können wir wirklich sehen? Was sagt uns unser Gefühl? Welche Gedanken schießen uns in den Kopf? Und welche davon sind von UNS und welche von JETZT?


Keine Spekulation, was das Kind in diesem Moment aufgrund äußerer Umstände empfinden MÜSSTE. Oder was wir erwarten WÜRDEN. Ganz mit dem eigenen Gefühl sein ist sicher ungewohnt für uns. Aber man kann es üben und man wird mit der Zeit immer besser und besser darin. Denn im umgekehrten Fall übersehen wir auch vieles. Situationen, die für uns normal sind und die für Kinder ganz grausam sein können. Als mein ältester Sohn noch ganz klein war, gingen wir zu einem Nikolaus, der ein großes, schweres Buch hatte. Er zitierte jeweils ein Kind zu sich, das dann vorne auf der Bühne im Mittelpunkt stand und dem vorgelesen wurde, was es alles falsch gemacht hat und wie unartig und frech es doch ist. Warum fiel niemandem auf, wie schlimm das für die Kinder war? Auch wenn der „Nikolaus“ anschließend wieder gut war und trotzdem Süßigkeiten verteilte – warum sollte man denn sein Kind vor allen anderen so bloßstellen? Ich war die einzigste Mutter, die NICHT vorher irgendwelche Peinlichkeiten über ihr Kind auf den großen Zettel schreiben ließ und DAS fiel dann jedem auf? Die Leute waren irritiert: warum spielte ich denn nicht mit? Wie empfindlich kann man denn sein? Die stellt sich ja mal dran.


Auch wenn es für Erwachsene „normal“ ist, dass der Nikolaus die Kinder so bloßstellt und „alle anderen machen das ja auch so“ – nein, das ist trotzdem nicht okay. Ich kann mich heute noch an ein Kind erinnern, das schon „groß“ war (also vielleicht 4 oder 5 Jahre alt) und dem der Nikolaus vorwarf, dass es doch kein Baby mehr sei, das zum Einschlafen noch einen Schnuller braucht. Dieser Blick! Am liebsten wäre ich nach vorne gelaufen und hätte es dort weg geholt. Dabei waren das alles ganz normale Mama´s, die im Alltag sehr liebevoll mit ihren Kindern umgingen. Sie schauten nur nicht hin, weil sie es als „normal“ empfanden.


Also nochmals: wir interpretieren aufgrund unserer Erfahrungen und unserer eigenen Vergangenheit. Damit können wir richtig liegen – oder auch komplett daneben. Besser ist es, auf unser Bauchgefühl zu hören. Das Kind wirklich mit offenen Augen und offenem Herzen anzuschauen. Nicht ein einziges Mal, sondern immer und immer wieder. Unsere Intuition wird uns sagen, wann wir es verstanden haben <3

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