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Wenn die Vergangenheit die Gegenwart überholt

Gabi Schmitt

Wenn die Vergangenheit die Gegenwart überholt

Manchmal verschieben sich die Zeiten. Das Kind ist gut in seiner Pflegefamilie angekommen, fühlt sich sichtlich wohl, bindet sich an die einzelnen Familienmitglieder und man vergisst sogar kurzfristig, dass es nicht immer so war. Und dann kommt so ein Klopfer, der schmerzlich daran erinnert, dass manches anders ist, als es auf den ersten Blick scheint. Morgens vor dem Kindergarten ist Hektik angesagt, weil die Mütze unauffindbar ist oder die neuen Schuhe zu eng. Und schon flippt das Kind aus. Es tritt und schlägt um sich, schreit und tobt. Die Pflegemutter steht hilflos daneben und weiß nicht, wie ihr geschieht. Oder die berühmte Supermarktszene, wenn das Kind sich lautstark heulend auf dem Boden wälzt, weil es etwas nicht haben darf. Oder eine harmonische Szene am Abend mit entspanntem Vorlesen und Kuscheln – und plötzlich bockt das Kind. 

Ja, das passiert auch bei leiblichen Kindern, die nie zuvor etwas Schlimmes erlebt haben. Aber bei unseren Pflegekindern kann es öfters passieren, es kann durchdringender sein und vor allem kann es einen ganz anderen Hintergrund haben. Bei traumatisierten Kindern kann es sein, dass sie durch äußerliche Umstände getriggert werden. Das heißt, dass irgendetwas in der Gegenwart sie so stark an die Vergangenheit erinnert, dass ihre Gefühle darauf reagieren. Sie fühlen, ALS OB SIE IN DER DAMALIGEN SZENE WÄREN. Als ob es im Hier und Jetzt stattfinden würde. Es geht ihnen NICHT darum, dass sie morgens nicht in den Kindergarten wollen oder dass sie eine bestimmte Schokolade haben möchten. Sie SIND in der Szene von DAMALS. 

Wie genau diese Szene ausgesehen hat, darüber können wir meist nur spekulieren. Vielleicht ist die Mama mal ausgerastet, weil sie enormen Zeitdruck hatte und das Kind zu langsam war. Vielleicht wurde es bestraft, weil es lautstark sein Bedürfnis nach irgendetwas äußerte – wie Kinder das nun mal so machen. Eigentlich. Denn damals wurde nicht adäquat auf diese Situation reagiert. Und nun fühlt das Kind sich im jetzigen Moment genau so, wie es sich damals gefühlt hat. Es hat Angst, ja, sogar Panik. Und rastet aus. Das ist nichts mit Denken, da gibt es nur noch Fühlen. Es hat diesen Moment schon erlebt, deshalb ist es in seiner Welt logisch, dass dieser Moment auch jederzeit noch mal so passieren kann. Das Kind sieht nicht, dass die Personen sich verändert haben und überlegt auch nicht, dass die liebevolle Pflegemutter es noch nie geschlagen hat. Es spürt nur, dass es gerade sehr hektisch wird und die Mutter unter Zeitdruck steht. In seinem Inneren baut sich eine Menge negative Energie auf, mit der es nicht mehr umgehen kann. Es kann seine Emotionen nicht mehr kontrollieren und nicht mehr regulieren. Und schon explodiert es, was niemand verstehen kann, weil in den Augen aller anderen ja „gar nichts“ passiert ist.

Was ist in solch einem Falle wichtig?

Zuerst einmal: es gibt kein Patentrezept für solche Situationen. Gibt es für leibliche Kinder übrigens auch nicht. Jedes Kind ist anders, jede Familie ist anders und jede Situation ist anders. Wie kann es da ein 0815-Verhalten geben, das sofort wirkt?

Wichtig ist dabei, nicht in der eigenen Hilflosigkeit und dem inneren Handlungsdruck zu verbleiben. Raus aus dieser Perspektive und rein ins Gefühl für das Kind. Was empfindet man selbst, wenn man sich das Kind anschaut und quasi „auf sich einwirken lässt“? Sieht man da tatsächlich Wut und Zorn? Oder ist da noch was, was man anfangs vielleicht noch gar nicht so richtig einordnen kann? Was drückt die Körperhaltung des Kindes aus? Was sieht man, wenn man die eigenen Emotionen mal kurz wegschiebt und ihm in die Augen schaut? Je mehr man den Fokus darauf legt, das kindliche Verhalten nicht zu bewerten, sondern stattdessen nur achtsam aufzunehmen, was man sieht, hört, fühlt, umso sicherer wird man mit dieser Methode. 

Dieses Einfühlen hat noch einen positiven Aspekt: da man selbst nicht handelt, sondern nur beobachtet, kommt deutlich mehr Ruhe in die Szene. Versucht es mal. Probiert es aus. Und berichtet mir sehr gerne, was passiert ist. Weiter unten auf dieser Seite könnt ihr einen Kommentar dazu hinterlassen.

 

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