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Pflegeschaf Mäh-rie

Gabi Schmitt

Mir ist eben bei Facebook als Erinnerung dieses Foto von meinem Bobtail Snoopy und von meinem Schaf „Schäfchen“ – heute „Mährie“ – angezeigt worden. Dabei wurde mir dann bewusst, dass Pflegeeltern wahrscheinlich alle ähnlich ticken 🙂

Ich erzähle euch mal die Geschichte. An einem Samstag vor 12 Jahren rief mich ein Arbeitskollege meines Mannes an. Sein Schaf hatte Zwillinge bekommen und nahm nur ein Babyschaf an. Das andere trat und biss es weg. Ob ich es denn aufziehen wollte. Mein Mann hatte zu ihm gesagt, falls er da jemals Jemanden brauchen würde, ich würde das schon machen. Meine verblüffte Antwort: „Was soll ich denn mit einem Schaf? Ich habe Nullkommanull Ahnung von diesen Tieren. Und ich wohne ja auch nicht unbedingt auf einem Bauernhof, sondern in der Hauptstrasse.“ Er (der mich wohl ganz gut kannte) meinte nur ganz gelassen: „Okay, kann man nicht ändern. Dann wird es das wohl nicht überleben. Es sieht schon ganz schwach aus!“ Pah, der wusste schon, wie er es macht. Bevor ich mein Gehirn einschalten konnte, hörte ich mich schon sagen: „Bring es halt vorbei“.

Na, klasse. Weltklasse sozusagen. Eine Stunde später war Schäfchen hier und es war klitzeklein. Wir hatten mittlerweile beim Apotheken-Notdienst schon mal ne Milch und eine Flasche mit Sauger besorgt. Das musste jetzt einfach gehen. Ja, es ging. Schäfchen trank aus der Flasche, bekam ein weiches Kinderreisebett und war natürlich der umschwärmte Mittelpunkt der Familie. Montags besorgten wir anständige Schaf-Aufzuchtmilch, Heu und Stroh. Und vor allem fragte ich jedem Löcher in den Bauch, wie das denn so ist mit einem Schaf.

Meine Hunde allerdings echt genervt. Denn Schäfchen wollte niemals auch nur eine Minute ohne Hund sein. Gut, dass ich zwei Hütehunde hatte: einen Bobtail und eine Aussie-Border-Hündin. Die mussten aushelfen und das passte ihnen nicht besonders. Einer musste immer mit Schäfchen auf dem Balkon übernachten, sonst schrie es mir die ganze Nachbarschaft zusammen. Der Unterschied: mein Bobtail lief raus, legte sich ins Reisebett, schlummerte ein und kam morgens hocherhobenen Hauptes in die Wohnung, was er alles so geschafft hat über Nacht. Meine Aussie-Hündin trieb Schäfchen ins Reisebett und legte sich davor, das Schäfchen keine Minute aus den Augen lassend. Sehr spannend zu beobachten. Bis Schäfchen dann krank wurde. Durchfall, Appetitlosigkeit und total schwach auf den Beinen. Zuerst mal musste ich einen Tierarzt finden, der Schafe behandelt. Dann guckten die mich etwas seltsam an, weil ich den Bobtail mitholen musste, weil Schäfchen ohne Hund nirgends hin wollte. Mit Spritzen, Tabletten, Wärmeflasche und vor allem bei Mama unter der Wolldecke auf dem Sofa war Schäfchen ziemlich schnell wieder gesund.

Das Besondere an unserem Schaf: da ich ja keine Ahnung von Schafen hatte, behandelte ich es wie einen Hund – nun ja, wie einen Hund, der nicht stubenrein wird. Also konnte es sowohl Autofahren (große Kiste mit Stroh im Kofferraum) als auch an der Leine gehen. Teilweise sogar besser als meine Hunde 🙂 Es war auf dem Hundeplatz dabei und ich habe mich fast gekringelt vor Lachen, als ich ein Gespräch anhörte: „Ist das ein Schaf?“ – „Nein, Quatsch, wie soll denn das Schaf auf den Hundeplatz kommen? Es gibt Hunde, die so aussehen.“

Auch im Kindergarten war es der Star. Ich hatte mit den Kindergärtnerinnen abgemacht, dass die Kinder sie kennen lernen durften. In kleinen Gruppen konnten sie dann zum Schaf, durften es anfassen und füttern. Das war so niedlich anzusehen, wobei ich baff erstaunt war, wie wenig Kinder heutzutage über Tiere wissen.

Als Schäfchen größer wurde, hatten wir ein Problem. Es war ja klar, dass es in eine Herde musste. Aber wie kriegt man das hin? Wie sollte es mit Schäfchen weitergehen?

Manchmal gibt es Lösungen, an die man vorher nicht gedacht hatte. Ich sah eine Herde Schafe und fragte mich durch, wem die gehören. So ein Zufall, es war der Bruder einer Schulkameradin. Er nahm unser Schaf in seine Herde auf – nun musste es nur noch langsam von der Flasche weg kommen. Die Kinder heulten, ich heulte, aber wir wussten, dass wir es nicht ewig auf dem Balkon und im Wohnzimmer halten konnten. Also machten wir morgens und abends seine Flasche warm und fuhren damit zur Herde. Ein Ruf und es war da. Es nuckelte seine Flasche leer und wir konnten sehen, wie gut es ihm dort unter all den anderen Schafen ging. Das machte uns den Abschied leichter. Und auch die nächste Lösung kam unvermutet. Die Frau, auf deren Wiese die Schafe kurz waren, war so fasziniert von einem zahmen Schaf, das an der Hundeleine gehen konnte, dass sie es haben wollte. Selbstverständlich unter der Voraussetzung, dass Schäfchen niemals geschlachtet wird. Sie bekam es und kaufte sogar noch ein Geschwisterschaf dazu, damit es nicht alleine ist (und später noch zwei andere Schafe). Gerade vor ein paar Tagen habe ich mich noch mit ihr unterhalten, dass Schäfchen jetzt schon 12 Jahre alt ist und dass es ihm immer noch gut geht.

Es hat etwas gedauert, bis die Kinder und ich den Abschied verkraftet haben. Aber wir wussten, dass es ihm dort besser geht und dass wir unseren Teil dazu geben konnten. Das hat uns geholfen.

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