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Nicht das Kind ist das Problem, sondern das, was es erlebt hat

Gabi Schmitt

Was ist eigentlich meine Motivation hinter der Seite „Pflegekinder-Life“?

Das ganz große Geld lässt sich mit meinen kleinen Kursen wohl eher nicht machen und ich rühre auch nicht wirklich die Werbetrommel dafür. All das, was gerade jeder macht, mache ich eigentlich nicht. Bei mir gibt es keine Live-Videos, weil die gerade in sind. Ich erzähle auch eher wenig aus meiner eigenen Vergangenheit und schon mal gar nichts über meine Kinder. Wenn ich Beispiele nenne, was ich eigentlich sehr gerne mache, weil sie so anschaulich sind, dann ändere ich natürlich vorher alles so ab, dass niemand erkannt werden kann – was ein  bisschen die Spannung rausholt. Ich weiß gar nicht, wie oft ich mehrere Seiten geschrieben – und dann wieder gelöscht habe – weil ich nicht wollte, dass man Rückschlüsse auf etwas oder jemanden ziehen kann. Privatsphäre ist mir wichtig.

Aber:

ich weiß genau, dass meine Seiten genau DIE Menschen erreichen, die genau DAS, was ich schreibe, genau JETZT und genau in DIESEM Moment dringend brauchen.

Wie oft fühlt man sich denn als Pflegemutter oder Pflegevater einsam und verlassen, weil niemand im Umfeld einen versteht? Weil niemand die gleichen Erfahrungen macht und all die guten Worte irgendwie nicht helfen? Kein Kind ist mit einem anderen Kind vergleichbar. Und erst recht ist kein leibliches Kind, das geschützt und geborgen mit den liebenden Eltern aufgewachsen ist, mit einem Kind zu vergleichen, das urplötzlich sein ganzes Universum verloren hat. Ja, wir vergessen nach zwei oder drei Jahren gerne mal, dass das Kind einmal ein ganz anderes Leben hatte. Ein Leben vor uns und vor unserer Familie. Aber glaubt mir, das Kind vergisst es nicht. Und auf der Grundlage dieser verinnerlichten Erfahrungen handelt es. Unbewusst, nicht bewusst. Es kann gar nicht anders.

Und dann höre ich die Frage: „Kann es sein, dass das Kind uns testet? Dürfen wir nicht nachgeben, weil es sonst ein egoistisches Monster wird, das immer nur verlangt? Will es nur seine Kopf durchsetzen, wie die Nachbarin gesagt hat?“ Nein, nein, nein und drölfzillionenmal NEIN. Kein Pflegekind steht morgens auf und überlegt sich, heute mal die ganze Familie auf den Kopf zu stellen. Auszuprobieren, ob die Mama es denn auch noch gerne hat, wenn es 10, 20 oder 60 Minuten braucht, um sich anzuziehen. Herauszufinden, ob die Nerven der Lehrerin auch den vierten Tag mit der Verweigerung der Mitarbeit klarkommen. Zu testen, wie viel Geduld Papa abends noch hat, wenn es um 20, 21 und 24 Uhr noch schreiend im Bett liegt. Niemals, so funktioniert das nicht. Das Verhalten des Kindes ist kein Testen. Es ist ein Aufbäumen, ein Zeichen der Verzweiflung und tiefsitzender Ängste. Man kann Angst und Panik nicht mit Druck und Strafen heilen. Das funktioniert einfach nicht. Und wenn wir bemerken würden, welches Gefühl des Kindes hinter seinem Verhalten steckt, dann würden wir das auch verstehen.

Wenn der kleine Moritz von der Cousine der Nachbarin nachts durchgeschlafen hat, nachdem die Eltern rigoros das Licht aus- und die Tür zugemacht haben, und anschließend nicht mehr nach ihm geschaut haben, dann kann man das doch nicht als funktionierendes Erziehungsmittelchen anpreisen. ICH persönlich sehe vor meinem inneren Auge ein verzweifeltes Kind alleine in einem Bettchen liegen, das die Erfahrung gemacht hat, dass all sein Bitten und Betteln und damit auch sein Wohlergehen einfach niemanden interessiert. Wenn in den Köpfen der hier lesenden Pflegeeltern ankommt, dass die Situation an sich echt doof ist – aber nicht die Kinder – dann habe ich mein Ziel erreicht.

Es wird so vieles in den Vorbereitungsseminaren des Jugendamtes gelehrt. Aber es fühlt sich einfach anders an, wenn man mitten drin steckt. Die trockene Theorie, die ist meistens klar. Aber die Praxis, das bedeutet Müdigkeit, Lärm, Geschrei, Unsicherheit, Enttäuschung und eigene Gefühle, die sich ständig widersprechen. Man will diesem „fremden“ Kind helfen und krempelt das ganze Leben um – und nun sitzt es da und schreit und ist nicht zu beruhigen, weil es den ganzen Tag nur essen will. Es ist überhaupt nicht aufnahmebereit für all die schönen Dinge, die man sich ausgedacht und geplant hat. Immer nur den Kühlschrank im Blick. Nie genug. Wie undankbar ist das denn? Das haben ja vorher schon alle anderen gesagt: „du weißt doch gar nicht, was da auf dich zukommt. Vielleicht ist das Kind total schwierig und macht alles kaputt.“ Die werden doch nicht recht gehabt haben? 

Nicht das Kind ist das Problem, sondern das, was es erlebt hat.

Es ist ein ganz anderer Blickwinkel. Das Kind reagiert völlig normal und angemessen. Angemessen – an ein anderes Szenario als das, was WIR gerade sehen. Denn es IST in der Vergangenheit. Es ist dort, wo halt nicht genug zu essen da war. Wo es Lebensmittel horten und verstecken und in sich hinein stopfen musste, weil es einfach nicht wusste, wann es wieder etwas bekommt. Es ist dort, wo irgendeine Anforderung gestellt wurde, die es nicht erfüllen konnte, und wo es unverhältnismäßig dafür bestraft wurde. Und es ist dort, wo nachts, wenn es dunkel und leise war, all die Gespenster aufkamen, die ihm so furchtbare Angst machten. Die Angst vor dem Alleinsein, die Angst, nicht dazu zu gehören und die Angst, dass der nächste Tag wieder voller schlimmer Erlebnisse sein wird, die es nicht vermeiden kann. 

Wenn wir das kapieren, dann wissen wir auch, was zu tun ist. Es wird manchmal lange dauern. Wirklich lange. Manchmal fragt man sich, ob es wirklich jemals besser wird. Und die eigenen Gefühle, mit denen muss man ja auch irgendwie zurecht kommen. Aber wenn wir verstehen (ich sage es gerne nochmals und nochmals und nochmals), dass nicht das Kind das Problem ist, sondern die Situation, dann können wir Verständnis und Mitgefühl entwickeln. Denn

Liebe hilft und Bindung heilt.

 

Schaut euch gerne auf meiner Seite um, lest die Blogbeiträge, die euch interessieren und schaut euch auch mal meine Kurse an. Es sind eher kleine Kurse, die nicht viel Zeit beanspruchen, weil ich weiß, dass gerade Zeit in einem Familienalltag Mangelware ist. Seht sie als Möglichkeit an, den Blickwinkel zu ändern und aus festgefahrenen Mustern auszusteigen. Viel Spaß damit.

 

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