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Kinder in Corona-Zeiten

Gabi Schmitt

Ich mache mir gerade so viele Gedanken, wie Kinder mit der aktuellen Situation klar kommen. Manche erleben vielleicht Mutter und Vater wie in einem längeren Urlaub. Auch wenn sie eingeschränkt sind, nicht in Kindergarten oder Schule können, ihre Freunde vermissen und auch Oma und Opa nicht sehen dürfen, so werden sie doch sehr liebevoll aufgefangen und zuverlässig versorgt. Das wäre wohl der aktuelle Idealzustand. Das gilt sogar, wenn Mama und/oder Papa sehr genervt sind, weil sie systemrelevante Jobs haben und im Gegensatz zu den „entschleunigten“ Eltern nun unter erschwerten Bedingungen noch mehr arbeiten müssen als sonst. Die Basis kann trotz aktuellem Stress und Angst tragfähig und gesund sein. Kinder können dann ganz schön was einstecken, wenn sie sich von ihren Eltern geliebt wissen und immer noch ausreichend Zuwendung bekommen.

Deshalb ein Wort an diese Eltern: „Macht euch keinen Kopf und vor allem kein schlechtes Gewissen. Die Zeit ist gerade anders als sonst und ihr seid auch nur Menschen. Kein Problem, wenn die Basis stimmt und eure Kinder nun mal mitbekommen, dass ihr gestresst, ärgerlich, wütend, ängstlich, erschöpft seid. Erzählt altersgemäß von eurem Tag, damit eure Kinder euch verstehen. Seid authentisch. Kinder merken sowieso, wenn man sich verstellt, und das macht sie unsicher. Aber sie dürfen gerne wissen, dass ihr Gefühle habt, dass diese geäußert und anerkannt werden müssen – und dass sie wieder weg gehen. Heute stinkesauer auf irgendwelche Kunden – aber morgen sind auch wieder ganz liebe Menschen unterwegs. Seid Vorbilder in Sachen Gefühle!

Aber nicht alle Kinder haben es so gut. Die Kinder, die sowieso schon Probleme daheim hatten, müssen jetzt durch Ausgangseinschränkungen und Kontaktverbote noch einiges mehr ertragen. Durch die Schließung der Kindergärten und Schulen verbringen sie jetzt 4 bis 8 oder sogar noch mehr Stunden zusätzlich daheim. Sie können nicht einfach raus gehen oder sich mit Freunden treffen, wenn sie es zuhause nicht mehr aushalten. Auch Oma und Opa, die nette Nachbarin oder die beste Freundin sind persönlich gerade nicht erreichbar. Über Skype oder Telefon kann oder will man vielleicht nicht über brisante Themen sprechen – vor allem nicht, wenn der Rest der Familie im Hintergrund steht. Wenn häusliche Gewalt schon vor der Ausgangsbeschränkung ein Thema war, so kann sich dies durch Stress und Überforderung noch verstärken. Kleinste Probleme schaukeln sich hoch bis alles explodiert. Gab es vorher „nur“ Geschrei und Gezanke, so könnten jetzt die letzten Hemmungen zur körperlichen Gewalt fallen.

Ich habe gelesen, dass Mitarbeiter des Jugendamtes nur noch im äußersten Notfall raus fahren dürfen. Aber wie sollen sie entscheiden, was ein „äußerster Notfall“ ist? Und woher bekommen sie überhaupt ihre Informationen? Leider meldet nicht jeder besorgte Nachbar seine Beobachtungen dem Jugendamt oder der Polizei. Aber auch dies ist kritisch einzuschätzen, denn es gibt im umgekehrten Fall auch die Nachbarn, die aus purer Langeweile am Fenster hängen und schon Rabatz machen, wenn ein Kind sich beim Spielen etwas lauter freut oder die Sodom und Gomorrha schreien, wenn ein Kind mit dreckigen Hosen rumläuft. Aber die Menschen, die nicht wegsehen, wenn sie tatsächlich Kindesmisshandlung vermuten, die können Kinderleben retten. Denn aktuell fallen ja viele weg. Die Kindergärtner, die Kinderärzte, die Familienhelfer und Sozialarbeiter sehen „ihre Kinder“ nicht mehr. Dieser Schutz funktioniert gerade leider nicht – und ist doch so dringend nötig wie nie zuvor.

Besonders Familien, die es die ganze Zeit „so einigermaßen“ hinbekommen haben, können durch die aktuelle Problematik an ihre Grenzen stoßen. Die Kinder wollen den ganzen Tag beschäftigt werden und irgendwann im Laufe des Tages sind sie übermüdet und quengelig. Vielleicht können sie auch abends nicht gut einschlafen, weil Bewegung und frische Luft fehlen. Sie verursachen viel mehr Durcheinander daheim, was natürlich normal ist, aber manche Mama total überfordert. Das Geld wird knapp durch Kurzarbeit oder Kündigung. Stattdessen vermehren sich die Ausgaben, weil die Kinder nicht mehr im Kindergarten oder in der Schule essen. Und weil die Billig-Varianten oft vergriffen sind, so dass einem nichts übrig bleibt, als die teureren Markenprodukte zu kaufen. Der beste Freund / die beste Freundin zum Toben fehlen und die Omas können nicht tröstend einspringen. Wenn ich dann noch an die ganzen Schulaufgaben denke, die nun online gemacht werden sollen….

Mir wird ganz übel, wenn ich die verschiedenen Szenarien gedanklich durchspiele. Und trotzdem habe ich keine Lösungen. Ich möchte hier nur meine eigenen Gedanken zur Diskussion anbieten. Haben wir vielleicht irgendwo die Möglichkeit zu helfen? Gibt es irgendeine Kleinigkeit, die wir tun können, damit es wenigstens einem einzigen kleinen Menschlein besser geht? Hilfen für überforderte Mütter? Spielzeugpakete für Kinder, die nicht wissen, was sie machen sollen? Nachbarschaftshilfe in irgendeiner Form?

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