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Für wen schreibe ich denn eigentlich hier?

Gabi Schmitt

Ursprünglich wollte ich eine Seite, mit der ich Pflegeeltern helfen kann, die total erschöpft und ausgelaugt sind. Selbstfürsorge war das Thema. Pflegeeltern, die weit über ihre eigenen Grenzen hinaus gehen,weil sie ihren Kindern helfen wollen. Die morgens schon bei Kindergarten-/ oder Schulanfang auf dem Zahnfleisch kriechen, weil sie ein oder zwei Stunden puren Stress hinter sich haben. Die in der Zwischenzeit nur mit Mühe und Not den Haushalt erledigen können, weil sie eigentlich nur noch müde sind. Die dann den Nachmittag mit Schulproblemen, Streiterei, Geheule und Schreianfällen zu tun haben, bis sie am Abend mehr oder weniger gut alle Kinder ins Bett gesteckt haben. Eltern, die sich keine Zeit für sich nehmen können, weil (vermeintlich) einfach keine Zeit da ist. Diese wollte ich stärken und kam schwupps, drauf, dass das am besten geht, indem man ihnen Tools an die Hand gibt, die auch den Kindern helfen. Sozusagen doppelt gemoppelt.

Traumatisierte Kinder haben irgendwann ein Verhalten erlernt, das erfolgreich war. Damals. Nun zieht es aber weitere Probleme nach sich. Dessen sind sie sich aber natürlich nicht bewusst, weil sie innerlich im Trauma feststecken. Äußerlich kann man sehr schnell etwas verändern. Innerlich dauert es lange und braucht eine Menge Geduld. Und natürlich die richtige Unterstützung. Bei Nicht-Traumatisierten Erwachsenen fehlt es oft am Wissen. Klar, man hört bei den Vorbereitungskursen für werdende Pflegeeltern einiges. Aber dort wird viel Wissen in kürzester Zeit weitergegeben, das nicht mit ERLEBEN gefüllt ist. Deshalb fehlt die persönliche Erfahrung und das Miteinander-Verknüpfen: das VERSTEHEN. Beispiele sind reine Theorie und das, was man daheim erlebt, ist irgendwie nie richtig vergleichbar. Außerdem dauert es so lange, bis sich Erfolge einstellen. Im Gegenteil, manchmal hat man das Gefühl, es wird immer schlimmer. Andere erzählen, wie gut es doch klappt, während man selbst immer mutloser und deprimierter wird. Dabei kann man ein Kind niemals mit einem anderen Kind vergleichen. Sie haben unterschiedliche Erlebnisse und unterschiedliche Persönlichkeiten. Das Kind bestimmt die Geschwindigkeit. Mach dich da frei von allen Erwartungen, da kann man einfach nichts beschleunigen.

Ich war zum Beispiel ein superliebes und unkompliziertes Kind. Man konnte mich schon von klein auf überallhin mitnehmen, ich fiel niemals unangenehm auf. Ich schrieb ganz hervorragende Noten und kam mit Empfehlung und sogar ohne Test auf das Gymnasium. Ich machte nämlich brav meine Hausaufgaben, Fleißaufgaben, Übungsaufgaben….. und las in jeder freien Minute. Ich stellte nichts an, ich machte mich nicht dreckig, ich war nie laut, ich hüpfte nie herum. Ich verlangte auch nie was, hatte keine großen Wünsche und war schön bescheiden. Ich war genau dieses Kind, von dem frühere Generationen sagten: „Ein Kind darf man nur sehen, aber nicht hören!“

Ja, klar, so richtig glücklich sah ich ja eigentlich nicht aus. Eigentlich traurig. Und seltsam ruhig für mein Alter. So zurückgezogen. Ich redete nur das Nötigste. Aber das war in Ordnung, so musste man auch keine doofen Kinderfragen beantworten. Meistens war ich sowieso mit Lesen beschäftigt. Spielen war nicht so mein Ding. Ich war auch seltsam blass und dünn. Lag aber nur dran, dass ich nicht genug essen wollte. Mein Pech, wenn ich so stur bin. Natürlich bin ich dann auch ständig krank, selbst dran schuld. Ich könnte ja einfach mehr essen. Dann müsste man mich auch nicht dazu zwingen und alles mit Gewalt reinstopfen. Und überhaupt: man hatte mich ja gefragt, ob alles in Ordnung ist. Ich hatte Ja gesagt. Dann war es das auch. Da muss man nicht unnötig noch mal nachhaken und das Kind auf dumme Gedanken bringen …..

Deshalb habe ich es mir heute als Ziel gesetzt, Pflegeeltern dabei zu helfen, ihre Kinder zu verstehen.

Ein „Es ist alles in Ordnung“ heißt manchmal einfach, dass NICHTS in Ordnung ist, das Kind sich aber nicht traut, etwas zu sagen.

Weil es die Konsequenzen nicht absehen kann. Weil die schlimmen Zustände, die es kennt, immer noch besser = bekannter = sicherer sind als das, was da kommen kann. Weil es noch viel mehr Angst macht, wenn der Ausgang unbekannt ist. Vielleicht ist es noch viel schlimmer als das, was jetzt ist?

Bekannt = sicher. Unbekannt = noch mehr Angst.

Schlafstörungen, Essprobleme und Aggressionen können ein Hilferuf sein, den Erwachsene leider oft nicht verstehen. An den Symptomen herum zu hantieren bringt nichts, wenn man den Hintergrund nicht versteht. ZUERST kommt das Verstehen. Das Ein-Fühlen. Die Klarheit. DADURCH erfahren die Kinder Heilung; durch Unterstützung, durch Hilfe, durch Liebe, durch die Sicherheit, dass diese schwierige Phase ihres Lebens jetzt endgültig vorbei ist. Das braucht ZEIT und Geduld. Jahrelange schlechte Erfahrungen werde nicht ausgelöscht, indem da jemand ankommt und sagt: „Das ist Vergangenheit. Jetzt bist du in Sicherheit, also leg deine Symptome ab,“

Als ich genau darüber schrieb, als ich ehrlich zu meiner eigenen Vergangenheit stand, da bekam ich plötzlich Rückmeldungen von erwachsenen Pflegekindern: „Danke, dass ich mich jetzt selbst verstehen kann!“ Es ist nicht so, dass man irgendwann erwachsen wird und ganz klar sieht, was alles in der Kindheit schief gelaufen ist. Vielleicht ist es so im Unterbewusstsein vergraben, dass man die gleichen Fehler wieder und wieder bei seinen eigenen Kindern wiederholt. Wenn man selbst keine Liebe empfangen hat (und das dann innerlich abspaltet), dann kann es schwer werden, seinen Kindern Liebe zu geben. Man hat kein Vorbild und weiß nicht, wie es geht. Oder es passiert das Gegenteil und man überschüttet seine Kinder mit Liebe und Fürsorge, bis sie es kaum noch ertragen können. Hat aber seinen eigenen inneren Anteil immer noch nicht geheilt. Weil niemand da gerne hinschaut. Denn das tut weh. Immer noch. Deshalb war ich so glücklich, dass ich völlig ungeplant diesen Menschen, die in ihrer Kindheit Heftiges erlebt haben, mit meiner eigenen Ehrlichkeit weiterhelfen konnte. Dabei ist es mir natürlich auch piepegal, ob es sich dabei um Pflegekinder handelt oder nicht. Es braucht keine Etiketten und Stempel, um verstanden zu werden und selbst zu verstehen.

Genau deshalb mache ich also das, was ich mache. Intuitiv. Einfach aus dem Gefühl raus. Wenn man so schreibt wie ich, kann man das auch ganz schlecht planen. Im Urlaub habe ich wie besessen auf meinen kleinen Smartphone mit einem einzigen Finger lange Texte eingetippt und konnte kaum aufhören. Jeden Morgen stand ich auf und schrieb zwei Stunden noch vor dem Frühstück. Was ich da zu sagen hatte, duldete keinen Aufschub. Das musste raus. Jetzt. Sofort. Nicht erst am Sonntag, weil da mehr Leute bei Facebook sitzen. Taktik passt manchmal nicht zu Gefühlen. Daheim kam dann eine längere Pause, in der einfach gar nichts raus wollte. Und ich schreibe nicht, wenn ich keinen Impuls dazu habe. Dabei kommen dann nur unpersönliche und nichtssagende Texte heraus, die niemanden berühren. Das gibt mir nichts. Heute war sie wieder da, die Intuition. Das Wissen, dass es jetzt gerade da draußen mindestens eine Person gibt, die genau das braucht, was ich jetzt geschrieben habe. Wo auch immer du bist, ich wünsche dir ganz klare Erkenntnisse damit…..

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