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„Du bist nicht gut genug“

Gabi Schmitt

Unsere „besonders-liebenswerten“ Pflegekinder haben oft Schlimmes erlebt in der Zeit, in der sie noch nicht in unserer Familie waren. Sie interpretieren ihre Erlebnisse auf ihre eigene, kindliche Art und Weise. Oft ergibt sich dann das Gefühl: „Ich bin nicht liebenswert. Ich bin nicht wertvoll. Ich bin nicht gut genug so, wie ich bin.“ Diese Glaubenssätze ziehen sich anschließend durch ihr ganzes Leben, wenn sie nicht bearbeitet und aufgelöst werden.

Um das ganze Ausmaß und die Folgen dieser festen und tiefsitzenden inneren Überzeugung sehen zu können, schauen wir mal in die Zukunft. Wie wird sich ein Kind, ein Jugendlicher oder ein Erwachsener, der einen solchen negativen Glaubenssatz verinnerlicht hat, denn verhalten? Welche Probleme gibt es? Welchen Lebensweg wird er einschlagen? Was wird er sich zutrauen? Und was – leider – nicht?

Es fängt schon in der Schule an. Jemand, der sich selbst als nicht liebenswert empfindet, wird sich damit schwer tun, Freunde zu finden und zu behalten. Er wird erst gar nicht auf die Idee kommen, dass die am meisten umworbenen Mitschüler sich ausgerechnet für ihn interessieren könnten. Viel sicherer wird er sich fühlen, wenn er sich mit denen zusammen tut, die etwas mehr am Rande stehen, so wie er selbst. Und genau das kann übel enden, wenn es dann die falschen Jugendlichen sind, mit denen er sich tagtäglich umgibt und deren negative Überzeugungen sich mit seinen eigenen decken – und sie somit noch verstärken. Natürlich hat das auch Einfluss auf die Schulnoten bzw den angestrebten Schulabschluss. Wer „nicht gut genug“ ist, der wird sich von jeder schlechten Note, von jeder Kritik, von jeder größeren Anforderung aus der Bahn werfen lassen, weil sie ihm genau das bestätigt, was er sowieso schon von sich denkt: „Ich kann das nicht“ und „Alle anderen sind viel besser als ich“.

Im Beruf könnte es dann ähnlich weiter gehen. Wer sich unfähig fühlt, wird sich nicht unbedingt einen anspruchsvollen Job aussuchen, auch wenn er genau DAS machen möchte. Also wählt er nicht seinen Traumjob, sondern den, der am wenigstens Selbstzweifel auslöst und am wenigsten Angst macht. Selbst in der Partnerwahl und im Familienleben werden solche Glaubenssätze immer wieder auftauchen: „Ich bin nicht gut genug als Mitarbeiter, als Kollege, als Freund, als Partner, als Mutter/Vater…..“ Es zieht sich durch´s ganze Leben. Und hat Einfluss auf alle Bereiche. Leider.

Deshalb ist es so enorm wichtig, dein Kind schon frühzeitig dabei zu unterstützen, eine gute Meinung über sich selbst zu bekommen. Was kann man denn tun?

Sehr genau hinhören

Wann sagt denn das Kind so etwas wie: „Ich kann das nicht“ oder „Ich bin ganz schön blöd“? Auch, wenn dieser Satz etwas flapsig dahergesagt wird: bitte NIEMALS unkommentiert so stehen lassen. Bei mir selbst habe ich gemerkt, dass es sich als Mutter irgendwann verselbständigt und man ganz automatisch mitbekommt, wenn ein solch selbstwertschädigender Satz gesagt wird, selbst wenn gerade mit den Gedanken irgendwo ganz anders ist. Meist reicht ein kurzes Statement aus: „Nein, das bist du nicht“ oder „Nein, du bist sehr klug“. Es kommt da nicht so sehr auf die Ausschmückung an, sondern eher auf das konstante Ablehnen und Verneinen negativer Sätze.

Sensibel werden für Kommentare anderer über dein Kind

Manche Mitmenschen reden etwas unüberlegt daher – nett ausgedrückt. Dass Kindermund sehr grausam sein kann, das wissen wir alle. Also gilt auch hier: bewusst hinhören, was in seiner Anwesenheit über unser Kind gesagt wird. Dabei auch die Profis nicht vergessen: Sachbearbeiter, Ärzte, Lehrer. Gerne wird bei der Fokussierung auf Problemen vergessen, wie sich das für ein Kind anfühlt.

Keine Vergleiche

Man kann ein Pflegekind nicht mit einem Kind vergleichen, das in einer liebevollen Umgebung mit der vollen Unterstützung der Eltern aufgewachsen ist. Man kann genau so wenig ein 10jähriges Kind mit einem 5jährigen vergleichen. Jedes Kind ist einzigartig und jedes Kind hat einen anderen Weg. Unterstützen wir es dabei und versuchen nicht, es an irgendeinen Standard anzupassen.

Behalte den persönlichen Entwicklungsprozess im Auge

Wenn schon Vergleiche, dann bitte die positive Entwicklung deines Kindes als Ausgangspunkt nehmen. Mach ihm immer wieder klar, wie weit es gekommen ist. Wie sehr es sich entwickelt hat. Was es heute kann, was vor einiger Zeit noch nicht möglich war. Hätte man das damals gedacht? Nein? Dann übertrage das auf die Zukunft und mache ihm klar, dass man heute noch gar nicht weiß, wie weit es sich noch entwickeln wird und was es alles schaffen kann.

Verantwortlichkeiten klären

Leider fühlen sich viele Kinder dafür (mit)verantwortlich, was in der Vergangenheit geschehen ist. Genau das haben sie auch oft eingebläut bekommen. Sätze wie „Du bist selbst dran schuld, dass mir ständig die Hand ausrutscht“ oder „Aus dir wird nie was“ bohren sich ganz fest in ein Kinderherz. Deshalb erkläre immer wieder, dass ein Kind nun mal ein Kind ist und somit keine Verantwortung für das Familienleben trägt. Diese liegt nämlich immer beim Erwachsenen. Das ist so wichtig, weil kleine Kinder ihre Eltern als unfehlbar ansehen. Sie haben immer recht und sie machen alles richtig. Also muss – so die kindliche Logik – das Kind selbst an allem schuld sein.

Neue Erfahrungen bieten

Jedes Kind hat liebenswerte Eigenschaften und besondere Fähigkeiten. Diese gilt es zu benennen und zu würdigen. Es ist wichtig, den Fokus nicht auf die Schwächen, sondern auf die Stärken zu richten. Finde die Interessen deines Kindes heraus und fördere sie mit gemeinsamen Erlebnissen und vielen, vielen Gesprächen darüber.

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