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Die große Unsicherheit

Gabi Schmitt

Gestern habe ich den Blogartikel „Der innere Sturm“ veröffentlicht. Ich habe mich total über die vielen Mitteilungen dazu gefreut, die mir mal wieder klar gemacht haben, dass erwachsene „Nicht-Pflegekinder“ mangels Erfahrung manchmal nicht wissen, was in einem Kind mit Vergangenheit vorgeht. Wie denn auch? Ich habe über die Bindung erzählt, die immer noch zur Ursprungsfamilie besteht – auch ohne Kontakt und trotz des Wissens, dass diese Bande unglücklich machen. Und über Flashbacks, die oft fälschlicherweise als Trotz oder Wut interpretiert werden, weil es im Außen einfach keinen rationalen Grund für solche Gefühlsausbrüche gibt. Wenn ich nur einem einzigen Kind damit helfen kann, dann hat sich die Arbeit gelohnt.

Heute geht mir das Thema Unsicherheit nicht aus dem Kopf. Denn bevor das „neue“ Leben Sicherheit geben kann, muss zuerst mal jede Menge Unsicherheit durch den Wechsel bewältigt werden. Ist denn das, was da in dem neuen Leben bei der neuen Familie passiert, nur eine kurze Zwischenepisode? Oder bleibt das länger? Muss man wieder weg oder darf man bleiben? So viele fremde Leute sind beteiligt, die alle Fragen stellen und ständig alles notieren, was man sagt. Was, wenn man etwas Falsches sagt? Oder wenn einer dieser Menschen böse ist? Was passiert, wenn man mit den neuen Geschwistern Streit bekommt? Oder die teuren Kleider dreckig macht? Früher gab es da doch immer Schläge dafür. Warum sollte es jetzt anders sein? Und wenn man irgendwas nicht richtig macht? In der Schule schlechte Noten bekommt oder aus Versehen die Blumenvase umwirft? WAS PASSIERT DANN MIT MEINEM LEBEN?

Die neue Lebenssituation macht unsicher. Ähnlich einer Frau, die eine schwere Ehe mit viel Streit und Auseinandersetzungen hinter sich hat, und die jetzt bei jedem neuen Partner befürchtet, dass es wieder so schlimm wird. Oder wie bei einem Mobbing-Opfer, das im Gesicht seines Gegenübers immer nach Verachtung und Spott sucht, weil es einfach Angst hat, dass sich die gemachten Erfahrungen wiederholen. Wenn Erwachsene so sehr mit Auswirkungen früherer negativer Ereignisse kämpfen, wie soll denn ein kleines Kind damit fertig werden? Ihm stehen doch viele erwachsene Bewältigungsmöglichkeiten noch gar nicht zur Verfügung. Wie soll es denn mit dieser Unsicherheit umgehen, wenn es sie nicht mal benennen kann? Wen soll es fragen? Wer soll es verstehen? Gerade bei kleineren Kindern, die noch gar nicht benennen können, was da in dem früheren Leben so ungut verlaufen ist, spielt sich alles in der Gefühlsebene ab, nicht im bewussten Denken. Dadurch wird alles in Millisekunden aufgerufen, das Kind fühlt sich absolut machtlos mit seinen Empfindungen und kann sie nicht in Worte fassen, selbst wenn es das will.

Was hilft? Liebe und Zeit. Zeit, um die Liebe annehmen zu können. Zeit, um eine Gegenliebe entwickeln zu können. Zeit, um aus dieser Liebe Sicherheit zu gewinnen. Zeit, um sich ganz in Ruhe all die neuen Dinge im Leben anzuschauen – und zu verarbeiten. Das dauert. Kinder brauchen Zeit, um anzukommen. Ohne funktionieren zu müssen. Ohne von allen Seiten untersucht und therapiert zu werden. Und ohne „machen“ zu müssen. Es ist gar nicht so einfach, Liebe und Zuwendung empfangen zu können, wenn man etwas anderes gewöhnt war. Garantie gibt es für keine Seite.

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