www.pflegekinder-life.de
schmittgabi@pflegekinder-life.de

Das Motivationsschreiben

Der Start ins Erwachsenenleben und das Motivationsschreiben

Volljährig. Die erste Party ohne Mama. Jetzt zeigt sich, was sie all die Jahre bei uns gelernt und verinnerlicht hat. Ich bin unendlich stolz auf sie. 💕💟💕
.
Was mich aber ganz kirre macht: warum wird es jungen Menschen in Vollzeitpflege so schwer gemacht, in ihrer Familie zu bleiben, bis sie WIRKLICH flügge sind? Warum müssen sie ein „Motivationsschreiben“ für fremde Menschen aufsetzen und darin erklären, warum sie noch nicht alleine leben können? Ergibt sich das nicht aus den Tatsachen Pflegekind + Trauma + mitten in der Schulausbildung + gerade erst 18 geworden? Warum mutet man ihnen zu, ihren Fokus auf ihre Schwächen (statt auf die unglaublichen Fortschritte) zu richten und sie damit quasi öffentlich zu machen? Warum müssen sie etwas völlig Selbstverständliches erklären, was sie selbst vielleicht noch gar nicht verstehen?
.
Mir wurde gesagt, es darf nicht nur ums Geld gehen, sonst wird der Antrag abgelehnt. Wenn die Jugendlichen also kein Geld für eine Wohnung mit Kompletteinrichtung, Ernährung und Haushaltsgeld haben, dann muss man halt bei anderen Stellen schauen. Okay. Der Eintritt ins Erwachsenenleben beginnt dann also gleich mit Hartz IV und Existenzminimum? Welche Ironie.
.
Gerade in dieser Zeit der (beginnenden) Ablösung, die so schwierig ist, weil die Bindung keine Selbstverständlichkeit war, soll der Jugendliche also schriftlich erklären, warum er seine Pflegeeltern noch so dringend braucht, dass er nicht alleine leben kann? Obwohl seine Entwicklungsaufgabe gerade die emotionale und faktische Unabhängigkeit von den Eltern ist? Wohlgemerkt: als Beginn eines Prozesses. Nicht als endliche Aufgabe mit Stichpunkt 18. Geburtstag. Also schon im Vorfeld das Scheitern schriftlich bestätigt. Hat jemand mal darüber nachgedacht, was das mit einem Jugendlichen macht und welche Auswirkungen so eine Sichtweise hat?
.
Dass Pflegekinder manchmal etwas länger für ihre Entwicklung brauchen und meistens noch etwas nachholen müssen, weil sie zu den entsprechenden Zeiten gerade mit Überleben beschäftigt waren, davon hat man noch nix gehört? Stattdessen soll der Junge mit der großen Klappe, der gerade gegen alles rebelliert und die letzten Nerven seiner Pflegeeltern überstrapaziert, weil er damit überspielen will, wie hilflos er sich im Inneren fühlt, ein Schreiben aufsetzen, indem er zugibt, dass er das Leben noch nicht alleine schafft?
 
Früher wurde die Unterbringung in der Pflegefamilie gewährleistet, wenn der junge Erwachsene noch in der Schule oder in der Ausbildung war. Macht ja auch Sinn. Einem 18jährigen zu sagen, dass er ohne Motivationsschreiben die absolute Freiheit in Form einer eigenen Wohnung samt Einrichtung und monatlichem Taschengeld bekommt (seine Sicht), macht…. tja…. überhaupt keinen Sinn und geht einfach in die falsche Richtung. Vor allem: nach 9 Monaten ist ein neues Schreiben, eine neue Erklärung der eigenen „Unfähigkeit, das Leben alleine zu meistern“ fällig. Warum? 9 Monate ist noch nicht mal ein Schuljahr. Welches Wunder soll sich denn in dieser Zeit ereignen? Und ‚es wird immer schwieriger‘, eine Genehmigung zu erhalten. Äh…., was sollen die jungen Leute denn dann noch alles schreiben? Wie schlecht und hilflos müssen sie sich denn darstellen, damit Ihnen eine Hilfe gewährt wird, die selbstverständlich sein müsste?
.

Meistens gehe ich in vollem Vertrauen durch’s Leben, dass alles, was passiert, seinen Sinn hat. Aber manchmal fehlt mir auch jegliches Verständnis und ich ärgere mich einfach nur noch. Ich hoffe, dass nicht allzu viele junge Leute durch diese – in meinen Augen – völlig sinnfreie Maßnahme zu früh in eine Wirklichkeit geschubst werden, die sie noch gar nicht alleine bewältigen können. Von Leuten, die es wirklich besser wissen müssten, wenn sie sich mit dem Thema Pflegekinder beschäftigt haben (hätten). Damit meine ich ausdrücklich NICHT die Sachbearbeiter des Jugendamtes, die ja nur ausführen müssen, was irgendjemand anderes an Quatsch verzapft hat. Und ich hoffe, dass die Pflegeeltern immer eine offene Tür – und offene Arme – für ihre Kinder haben, wenn diese sie auch nach dem 18, Geburtstag noch brauchen. Welch eine Ironie dieser Satz enthält – ich würde mir wünschen, dass dies den Verantwortlichen auffällt.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.