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Pflegekinder und problematisches Essverhalten

Gabi Schmitt

Pflegekinder haben oft ungünstige Erfahrungen mit Essen gemacht. Vielleicht haben sie nicht genug oder keine altersangemessene Nahrung bekommen, zu selten, zu unregelmäßig oder einfach ungesund. Oft wissen Pflegeeltern gar nicht, was in der Herkunftsfamilie passiert ist und sind auf Spekulationen durch Beobachtungen angewiesen. Das macht es natürlich schwierig.

Problematik: in manchen Herkunftsfamilien wird am Anfang des Monats groß eingekauft. Ab Mitte gibt es dann mehr oder weniger nur noch Cornflakes, Toastbrot und Nudeln mit Ketchup. Und gegen Ende des Monats wird dann von den hintersten Vorräten im Schrank gelebt und zur Essenszeit bei Verwandten vorbeigeschaut. Ich kenne Familien, die trotz Neurodermitis der Kinder und Adipositas der Mutter zum Großteil von Frittiertem leben, komplett ohne frisches Obst und/oder Gemüse. Oder Mütter, die bis 15 Uhr nachmittags schlafen, während die Kinder die kalten Reste vom Vortag essen, die noch auf dem Tisch stehen. Oft fangen diese Probleme schon bei Säuglingen an, weil manche Mütter auf jedes Weinen sofort mit der Flasche reagieren. Gestresst und selbst in keinem guten Umfeld aufgewachsen, ohne kompetente Hilfe und Vorbilder neigen gerade junge Mütter dazu, ihren Babys bei jedem Weinen oder Schreien aus lauter Hilflosigkeit die Flasche in den Mund zu stecken – was oft sogar hilft, weil das Saugen den Säugling kurzfristig beruhigt. Was hilft, wird wiederholt und so bekommen schon die Babys keine regelmäßigen Mahlzeiten, sondern immer nur ein paar Milliliter Milch, schlafen dann vor Erschöpfung mit der Flasche im Mund ein, werden kurz darauf wieder wach, schreien und…. bekommen sofort wieder die – mittlerweile kalte – Milch.

So vielfältig diese Probleme sind, so vielfältig sind die späteren Reaktionen der Kinder. Manche stopfen wahllos und in riesigen Mengen alle möglichen Lebensmittel in sich hinein. Andere verweigern die Nahrungsaufnahme und essen in quälender Langsamkeit nur das Allernötigste. Es gibt Kinder, die Essen in ihren Schubladen horten und welche, die nur fünf verschiedene Lebensmittel dulden.

Das stellt Pflegeeltern natürlich mehrmals am Tag vor Probleme. Eine reine Ernährungsberatung bringt nicht viel, sondern kann die Hilflosigkeit noch verstärken, weil das Ziel viel zu weit oben angesiedelt ist. Wenn man ein Kind hat, das nur Brot und trockene Nudeln isst, dann ist der Anspruch von „5 Handvoll Obst und Gemüse am Tag“ einfach zu hoch. Außerdem neigen nicht betroffene Personen dazu, schon nach kurzer Zeit die Geduld zu verlieren. Aber was sich in mehreren Jahren aufgebaut hat, verändert sich auch mit viel Liebe nicht in ein paar Tagen oder Wochen.

Was kann man also tun? Meine Empfehlung dazu lautet: zuerst einmal beobachten und alles aufschreiben. Damit meine ich nicht, wie viel was wann wo gegessen wurde. Sondern eher, was für ein Gefühl das Verhalten des Kindes auslöst. Das ist kein Wischiwaschi, sondern ich glaube fest daran, dass Pflegemütter so empathisch sind die Gefühle und Energien der Kinder aufzunehmen – sonst wären sie keine Pflegemütter geworden. Wie erscheint das Kind? Wie ist sein Gesichtsausdruck? Was will es sagen (und kann es vielleicht je nach Alter noch nicht formulieren? Was kommt einem spontan in den Sinn? Wenn man aufnehmen kann, was dem Kind fehlt und was es durch sein Verhalten sagen will, dann findet man besser adäquate Methoden, um zu helfen.

Wie kann man dem Kind helfen?

  • regelmäßige Familienmahlzeiten – und eventuell Zwischenmahlzeiten. Auch wenn es lange dauert, diese Kontinuität bewirkt etwas im Kind. Frühstück, Mittagessen und Abendessen am Tisch mit der ganzen Familie befriedigt nicht nur das Bedürfnis nach Essen, sondern auch nach Sicherheit und Bindung.
  • Rituale. Wir nutzen diese Mahlzeiten gerne für Gespräche über Gott und die Welt. Dadurch wird die Aufmerksamkeit von der Menge oder der Auswahl der Lebensmittel genommen und einfach eine Atmosphäre der Gemütlichkeit und Verbundenheit geschaffen.
  • Gemeinsamkeiten: gemeinsames Einkaufen, Wegräumen, Vorbereiten, Kochen und Geschirrspülen.
  • Sicherheit. Kindern, die hungern mussten, hilft es manchmal, immer eine gefüllte Brotdose dabei zu haben. Auch wenn es nur eine kurze Autofahrt ist oder ein Einkauf, wo man sich jederzeit etwas kaufen kann. Die Brotdose gibt Sicherheit.
  • Gewohnheiten. im Urlaub oder bei Kurzreisen war unser allererster Gang immer zum nächsten Supermarkt, um den Kühlschrank zu füllen. Vorher war keine Orientierung und keine Entspannung möglich. Auch bei Verwandtenbesuchen mit Übernachtung mussten trotz gefülltem Vorratsschrank immer zuerst ein paar der gewohnten Lebensmittel gekauft werden.
  • kein Zwang. Egal wie schwer es fällt, jeder Zwang und jeder Druck auf das Kind löst nur ein Abwehrverhalten aus.
  • Konsequenz. Jede Familie hat ihre eigenen Regeln. Diese müssen aufgestellt und an der Realität erprobt werden. Bei uns muss niemand den Teller leer essen, wenn er keinen Hunger mehr hat. Wer bei Tisch nichts isst, bekommt aber anschließend keinen Süßkram. Und es darf auch kein Kind mit Essen in der Hand rumlaufen.
  • Kreativität. Manchmal dauert es einfach eine gewisse Zeit, bis man auf richtig gute Ideen kommt, die helfen und den Alltag erleichtern. Dabei können andere Pflegeeltern unterstützen, wenn sie ähnliche Verhaltensweisen der Kinder kennen und vielleicht schon Lösungen gefunden haben. Alleine das Wissen, dass es anderen Eltern auch so geht, bringt schon Erleichterung.

Und zum Schluss: bitte niemals auf die Übermütter hören, die alles besser wissen und immer von ihren eigenen Erfolgen berichten. Kein Kind ist wie das andere. Es hat eine eigene Persönlichkeit, die niemals zu 100% mit anderen übereinstimmt. Es hat Erfahrungen gemacht, die kein anderes Kind genau so gemacht hat – nicht mal die Geschwisterkinder. Und es war Einflüssen ausgesetzt, die wir einfach nicht kennen. Liebe heilt – aber es dauert seine Zeit!

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